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Zur Geschichte der Ziegelei Lindner

Wenn man von der Industriestraße in Birkenwerder in Richtung Pinnow nach Borgsdorf  hineinfährt, kommt man kurz hinter der Brücke über die Autobahn rechter Hand an einem stabil umzäunten, großen, teils mit Laubbäumen bestandenen Gelände vorbei. In der kalten Jahreszeit, wenn die Bäume noch kein Laub tragen, kann man im hinteren Bereich des weitläufigen Grundstücks eine teilweise gelb verklinkerte Gebäudegruppe sehen, das Gut Lindenhof.
Man sieht es diesem Gelände nicht an,  dass hier einmal der Standort  eines bedeutenden Produktionsbetriebes war.  Sowohl regional- als auch technikgeschichtlich interessante Details fördert das Studium der noch in den Archiven des Landes Brandenburg und der Gemein-
de Birkenwerder vorhandenen Akten zu Tage. Allerdings sind die Akten nicht vollständig und weitere Informationsquellen sind nicht bekannt. Mit diesen Unzulänglichkeiten müssen wir leben.

Die ersten Informationen beziehen sich auf das Jahr 1844. Dem Heimatforscher Max Rehberg zufolge hat zu dieser Zeit hier ein gewisser Goldbeck eine Ziegelei erbaut. Er folgte damit einem Trend dieser Zeit, Martin Ilzig hatte schon 1837 an der Havelstraße mit dem Bau einer Ziegelei begonnen. Ihm folgte der Leutnant der Reserve Hempel, der gleich zwei Ziegeleien errichten ließ, eine davon unmittelbar neben dem Gelände des Herrn Goldbeck. Für die Entwicklung  der aufblühenden preußischen Hautstadt Berlin wurde in zunehmendem Maße Baumaterial benötigt. Dieses herzustellen, versprach gute Geschäfte. Dass  diese Überlegung aufging, kann man daraus ersehen, dass bereits Ende 1846 die Erweiterung der Ziegelei um einen zweiten Brennofen und einen weiteren Trockenschuppen geplant wurde. Allerdings gehörte die Ziegelei jetzt schon nicht mehr Herrn Goldbeck allein. Er hatte sich den auf den Bau von Ziegelbrennöfen spezialisierten Maurermeister Reichart mit ins Boot geholt. Am 18.4.1847 war Reichart  schon Alleinbesitzer, wie aus weiterem Schriftverkehr hervorgeht. Allerdings nicht für lange Zeit, denn am 15.7.1853 tritt als Besitzer dieser Ziegelei der Ratsmaurermeister C. Lindner, Berlin, Kaiserstraße 36, in Erscheinung, er will ebenfalls einen neuen Trockenschuppen bauen lassen. Aus dem dem Antrag beigefügten Lageplan ist ersichtlich, dass zu diesem Zeitpunkt  schon 3 Brennöfen in Betrieb sind. Der Ziegeleibesitzer Lindner bemühte sich beständig darum, die Ziegelei immer dem Stand der Technik entsprechend fortzuentwickeln und zu erweitern.

1855 wird ein neues Wohnhaus erbaut. 1857 kommt es zum Bau eines neuen Trockenschuppens. 1858 kommt ein neuer Doppel – Ziegelofen mit Schornstein dazu (112 Fuß lang, 75 Fuß tief – 1 Fuß entspricht ungefähr 31 cm).  Gelegentlich kam er mit den örtlichen Behörden in Konflikt. 1859 meldete der Dorfschulze Krause aus Birkenwerder, dass Lindner ein massives Gebäude illegal neu errichtet hätte. Wie sich herausstellte, hatte er hölzerne Ständer  in einem Trockenschuppen durch Mauern ersetzt. In diesem Gebäude sollte eine mit Pferdekraft betriebene Maschine zum Steineschneiden zum Einsatz kommen. Er musste einen Antrag nachreichen und eine Geldstrafe zahlen. 1863 kommt wieder ein neuer Trockenschuppen dazu. In diesem Fall muss allerdings der Dorfschulze von Borgsdorf,  Gensikow, am Genehmigungsverfahren beteiligt werden und seinen Senf dazu geben. Das Gelände der Ziegelei Lindner erstreckt sich nämlich zwar hauptsächlich auf dem Territorium der Gemeinde Birkenwerder, wo das Unternehmen auch registriert ist, der südwestliche, kleinere Teil ist aber Borgsdorfer Territorium. Und  hier sollte gerade der neue Schuppen gebaut werden.

Ab 1865 wird eine neue Hofanlage errichtet (Wohnhaus, Scheune, Kuhstall, Büro, Kesselhaus, Schmiede) – im Wesentlichen das Gebäudeensemble, das man heute als Gut Lindenhof ansieht.
Allerdings ist in Dinglers Polytechnischem Journal, Band 34, aus dem Jahr 1867 (maßstabsgerechte Skizze der Anlagen der Ziegelei Lindner) die Scheune noch nicht verzeichnet. Der Zeitpunkt der Errichtung  ist deshalb von Interesse, weil hier bereits Hohlkammerziegel verbaut worden sind (sowohl Lang- als auch Hochlochziegel). Die Technik zu deren Herstellung  hat sich erst im Laufe der Zeit entwickelt. Für die Massenproduktion kam auch nicht das Handstrich- sondern das Strangpressverfahren zur Anwendung.
Klar ersichtlich aus der Skizze ist der Standort von 33 Schlämmbecken, jeweils ca.15  x 15 m groß. Diese für die Reinigung der Tonerde benötigten Becken haben einen großen Teil der Ziegeleifläche eingenommen.
Im Wesentlichen befasst sich der oben erwähnte Artikel aus Dinglers Polytechnischem Journal aber mit dem Einsatz der ersten Dampfmaschine auf der Ziegelei und der Kraftübertragung von der Dampfmaschine zu den vorher mit Pferdegöpeln betriebenen Arbeitsmaschinen mittels Drahtseiltransmission.
(Über Einzelheiten hierzu vgl. „High Tech in Birkenwerder anno 1866“  in den Nordbahn – Nachrichten vom 19.11.2011.)

1867 sollen ein neuer Trockenschuppen und ein Stall gebaut werden. 1868 sind ein weiterer Trockenschuppen sowie der Umbau eines Schauers zu einer Inspektorwohnung geplant. Bei dem letztgenannten Vorhaben kommt es wieder zu Auseinandersetzungen mit dem Dorfschulzen Krause aus Birkenwerder.
1890 wird ein neuer Dampfkessel installiert, bereits 1892 ein weiterer (eine Lokomobile der Fa. Kirchstein, höchste Dampfspannung 4 atü) . In diesem Fall tritt als Antragsteller bereits Maurermeister Otto Lindner, Berlin, Kaiserstr. 36a, der Bruder des Vorbesitzers auf. Die Lokomobile soll ein „ Pulsometer“ mit Dampf versorgen. Das Pulsometer soll „Wasser aus einem Teiche pumpen“, also entweder das Tonerdeabbaufeld trocken halten oder Wasser zum Schlämmen fördern oder beides. Das Pulsometer ist technikgeschichtlich insofern hochinteressant, als diese Pumpe sowohl ohne drehende Teile als auch ohne die Kombination Kolben/Zylinder funktionierte. Die Pumpwirkung beruhte im Wesentlichen  darauf, dass  bei Abkühlung von Dampf in einem geschlossenen Raum ein Unterdruck entsteht und man in diesen Raum hinein dann z.B. Wasser ansaugen kann. Die Pumpe wurde in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts von dem Amerikaner Charles Henry Hall entwickelt, der hierauf 29 Patente erhielt. Problematisch war insbesondere die Entwicklung einer selbsttätigen Steuerung durch interne Ventile in Abhängigkeit von den Druckverhältnissen. Da er in den USA kommerziell nicht erfolgreich war, ging er nach London, Wien und schließlich Fürstenwalde, wo er lt. Märkischer Oderzeitung vom 25.3.2010 nach 1880 mit der Produktion von Pulsometern begann. Trotz der Nachteile (hoher Dampfverbrauch, relativ geringe Leistung, pulsierender Betrieb, teilweise Vermischung von Kondenswasser mit der zu fördernden Flüssigkeit) spielten Pulsometer insbesondere für die Wasserversorgung von Nebenbahnlokomotiven außerhalb von Knotenpunkten eine große Rolle. Hier überwogen die Vorteile: Sehr einfache Konstruktion, Wartungsarmut, Unempfindlichkeit gegenüber Verschmutzungen. Der geschäftliche Erfolg der Pulsometer aus Fürstenwalde hängt sicherlich damit zusammen, dass gerade in dem fraglichen Zeitraum das Netz der Nebenbahnen in Deutschland stark ausgebaut wurde. In unserer Region eröffnete  zum Beispiel 1903 die Kleinbahn Nauen – Velten ihren Betrieb.
Wie lange und mit welchem Erfolg das Pulsometer in der Ziegelei Lindner im Einsatz war, ist leider nicht bekannt.

1896 wird die Betriebserlaubnis für den alten Dampfkessel der Fa. Nathusius aufgehoben. Als Ersatz wird 1897 ein neuer, feststehender 8m langer Flammrohr - Dampfkessel der Fa. Wuth und Diederich mit 8atü Dampfdruck an den vorhandenen 25 m hohen Schornstein angeschlossen. Der Kessel benötigt stündlich 1600 Liter Speisewasser. 1899 wird noch ein weiterer, wahrscheinlich technisch ähnlicher Kessel der gleichen Firma installiert.Am 29. Juni 1898 wird die Genehmigung zur Errichtung eines hochmodernen Ringofens erteilt, der in seinen Dimensionen die bisher vorhandenen Produktionsgebäude in den Schatten stellt. (Bruttomaße des Gebäudes ca. 63 x 22 m, der Ringkanal hatte eine Breite von 3,60 m, für den 40 m hohen Schornstein wurde eine Masse von 704 000 kg  berechnet). Bemerkenswerterweise wurden bisher Fundamentreste u. Ä ., die eindeutig dem Ringofen zugeordnet werden könnten, nicht gefunden. Es sind Zweifel aufgekommen, ob dieser Ofen überhaupt gebaut wurde. Klar ist, dass die wirtschaftliche Situation der Ziegeleien in Birkenwerder sich um die Jahrhundertwende 1900 erheblich verschlechterte (Vgl. hierzu „Wie die Zeit der Ziegler zu Ende ging“ in Nordbahn – Nachrichten, Nr.5, 6, 7/ 2012).Mindestens das Ringofengebäude muss gebaut worden sein, denn im „Briesetal – Boten“ vom 27.3.1913 annonciert eine Gesellschaft für Abbrucharbeiten diverse Materialien vom Abbruch der früheren Lindnerschen Ziegelei, darunter „ein großes Ringofendach“. (Vielen Dank für den Hinweis auf diese Annonce an Siegfried Herfert) .  Wann genau die Produktion eingestellt wurde, ist nicht bekannt. 1903 wurde jedenfalls gearbeitet, denn ein Arbeiter erlitt am 3. 10. einen tödlichen Unfall. 1907 muss man mindestens noch Hoffnung gehabt haben, weiter (oder wieder) arbeiten zu können, denn man stellte einen Antrag, an das am 4.4.1905 frei gegebene  Anschlussgleis  von Borgsdorf zur Aktienziegelei Birkenwerder mit angeschlossen zu werden.Im Jahre 1909 wird der frühere Ziegeleibesitzer Otto Lindner im „Briesetal – Boten“ als verstorben erwähnt.Mindestens ab 1919 wird das Gelände durchweg landwirtschaftlich genutzt (der Inhaber, Herr Sturm stellt in diesem Jahr einen Antrag auf Genehmigung einer Anlage zum Kochen  von Rüben). Heute befindet sich das Areal  in Privatbesitz.

Text: Karlheinz Palm, Geschichtsstübchen Birkenwerder

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